Der amerikanische Kommandant
Eines Morgens kam, wie schon so oft in den letzten Tagen, ein Jeep den Feldweg hoch. Aber diesmal wollten die Amerikaner weder nach dem Schnaps noch nach dem rechten sehen. Mich wollten sie.
Ich erschrak nicht sonderlich, irgendwann mußte das Versteckspiel ja zu Ende sein. Ich fragte nur: »Wo geht's hin?« »Zum Kommandanten.«
Die amerikanische Kommandantur war im Schloß Garvensburg einquartiert, zehn Autominuten vom Jagdhaus entfernt.
Ich mußte in der Vorhalle warten, ein Soldat blieb bei mir. Die Besatzungstruppen waren sehr darum bemüht, die kommunale Administration in Gang zu halten, und so herrschte reger Publikumsverkehr. Der Kommandant ließ mich rufen. Er residierte in einem großen Bibliotheksraum mit lederbezogenen Sesseln und Stühlen und einem wahren Prunkstück von Schreibtisch, vor dem ich Platz zu nehmen hatte.
Ich bemerkte, wie der Offizier hinter dem Schreibtisch mich auf eine peinliche, fast lauernde Weise fixierte. Er war noch jung, vielleicht fünfundzwanzig Jahre, im Rang eines Oberleutnants und etwas zu klein für den großen Schreibtisch. Seine schwarzen Haare und die dunklen Augen in einem schmalen Gesicht gaben ihm fast etwas Jüdisches. Aber dafür war er wieder zu militärischschneidig.
An seiner Seite saßen noch zwei andere Soldaten, einer, der dolmetschte, und einer, der Protokoll führte.
Ich war ruhig, hatte keine Angst mehr, wartete darauf, daß der Amerikaner mir endlich eröffnen werde, ich sei als ehemaliger Wehrmachtssoldat identifiziert und solle in Gefangenschaft abtransportiert werden.
Doch wieder kam es anders. Ganz undiplomatisch eröffnete mir der Amerikaner, ich stehe im Verdacht, als Spion für den Osten gearbeitet zu haben. Wenn sich das bestätige, werde man mich umgehend abschieben. Für Ostspione sei in dem von Amerikanern besetzten Gebiet kein Platz.
Ich brauchte eine Zeit, um zu begreifen, wessen man mich beschuldigte. Ich ein Ostspion! Wie kamen sie dazu? Mein Staatenlosenpaß! Das war es - der Paß! Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder hatten die Soldaten, die mich zuerst kontrollierten, Verdacht geschöpft und ihre Beobachtung weitergemeldet; oder eine der Frauen hatte mich wegen meines Fremdenpasses bei den Amerikanern denunziert.
Beschwörend sagte ich, jedes Wort einzeln betonend: »Ich bin kein Spion, Lieutenant! Ich war es nie!«
»Das müssen Sie erst beweisen! Jedenfalls stehen Sie im Verdacht, einer zu sein.« Der Dolmetscher übersetzte.
»Da könnte man doch jeden verdächtigen!«
»Wir verdächtigen nicht jeden, wir verdächtigen Sie.«
»Haben Sie Gründe für Ihren Verdacht?« fragte ich.
»Natürlich, sonst hätten wir Sie nicht geholt.«
»Welche?«
Der Kommandant wurde ärgerlich: »Ich stelle hier die Fragen. Also: Wo kommen Sie her? Und wie kommen Sie hierher?«
Jetzt wäre die letzte, ja die beste Möglichkeit, endlich einmal die Wahrheit zu sagen; zu sagen, wer ich bin und über welche Stationen ich in das Jagdhaus gekommen war. Doch ich log weiter, von der fixen Idee besessen, der Kommandant dürfe nicht erfahren, daß ich die deutsche Wehrmachtsuniform getragen hatte. Ich erzählte ihm, daß ich bis vor wenigen Wochen in Frankfurt gewohnt habe, dann aber hierher geflüchtet sei, als sie mich zu den Soldaten holen wollten.
Das glaube er nicht, unterbrach mich der Amerikaner. Ausländer würden nicht eingezogen, und nach meinem Paß sei ich doch ein Ausländer.
Ich versicherte ihm, daß es trotzdem so gewesen sei, er könne sich ja erkundigen. In Frankfurt werde man ihm auch bestätigen, daß ich dort seit meiner Geburt gelebt habe. Der junge Kommandant hörte aufmerksam zu, was ihm sein Dolmetscher übersetzte. Er ließ sich noch einmal meinen Fremdenpaß zeigen, blätterte ihn durch, und nun hatte ich das Gefühl, er glaube meinen Angaben.
»Wir werden uns in Frankfurt erkundigen«, sagte er, »bis dahin bleiben Sie in dem Haus, wo Sie bisher gewohnt haben.« Damit war ich entlassen. Der Soldat, der mich abgeholt hatte, brachte mich auch wieder zurück.
Die Jagdhausgesellschaft war sehr überrascht, daß ich wieder zurückkam. Sie hatten mich offenbar schon abgeschrieben. Frau S., der am stärksten die Enttäuschung anzumerken war, fragte sogleich: »Was wollte man von Ihnen auf der Kommandantur?«
»Darüber darf ich nicht sprechen«, gab ich zur Antwort und wandte mich ab. Platzen sollte sie vor Neugierde! Vielleicht hatte sie mir den ganzen Schlamassel eingebrockt.
Wieder wurde die Distanz zwischen mir und den andern ein Stück größer.
Um nicht den ganzen Tag mit den Frauen zusammenzusein, ging ich jetzt täglich nach Heimarshausen und half Bäuerinnen, deren Männer noch nicht zurückgekommen waren, bei der Feldarbeit. Immer seltener ließ ich mich im Jagdhaus blicken, was den übrigen Bewohnern nur recht war. Ich schlief oft im Haus von Justus Mohl, entgegen der Anordnung des amerikanischen Kommandanten.
Mohls Frau, die selbst keine Kinder hatte, nahm mich auf wie ihren eigenen Sohn, wusch meine Wäsche, stopfte meine Strümpfe, fragte, was ich gern essen wollte, und machte mir am Abend auf dem Sofa im Wohnzimmer das Bett zurecht. Sie mochte gleich alt wie ihr Mann sein, Mitte bis Ende vierzig, und war, wie in diesem Alter die meisten Frauen auf dem Land, längst jenseits von Gut und Böse. Sie war klein, gedrungen, ohne Taille, mit dicken Beinen, die immer in schwarzen Wollstrümpfen steckten, und hatte einen Watschelgang. Nur wenn sie einmal lachte, was sehr selten vorkam, denn Justus hatte nie ein gutes Wort für sie, erkannte man, daß sie früher doch schön gewesen sein mußte. Sonst waren von ihrer Jugend nur noch zwei kleine goldene Ohrringe mit roten Steinen übriggeblieben, die sie nie ablegte -und auf dem Speicher zwischen Gerumpel und Spinnweben in einer vermoderten Pappschachtel mit einem rosa Seidenband ein vergilbtes Hochzeitskrönchen, das ich irgendwann einmal bei einem Streifzug über den Dachboden entdeckte.
Ich hatte eine besondere Zuneigung zu ihr, denn sie war ein guter Mensch, selbstlos und zu allen großzügig, sogar zu Justus, obwohl der ihr großen Kummer bereitete. Eine Freundin reichte ihm nicht, er brauchte zwei, um sich seine Männlichkeit bestätigen zu lassen, eine in einem Nachbardorf, von der es hieß, sie sei etwas beschränkt, und eine Bäuerin in Heimarshausen, deren Mann schon zu Anfang des Krieges gefallen war.
Bald gewann ich Frau Mohls Vertrauen, und sie hatte das Bedürfnis, mit mir über ihren Kummer zu sprechen. Sonst gab es niemanden, dem sie sich anvertrauen, dem sie einmal ihr Herz ausschütten konnte.
Eines Tages kam eine entfernte Verwandte Mohls aus Holland zurück. Sie war dort als Wehrmachtshelferin zum Militär eingezogen, für kurze Zeit in Gefangenschaft geraten und entlassen worden. Schon vorher hatte sie im Haus des Jagdaufsehers gewohnt und die kleine Kammer dort nun wieder bezogen, worüber Frau Mohl gar nicht glücklich war und bitter sagte: »Jetzt geht das Theater von neuem los.« Gerdi hieß sie, war einige Jahre älter und einige Zentimeter größer als ich. Mit ihrem knochigen Körperbau und ihrem großen kantigen Gesicht erinnerte sie mich irgendwie an einen Ackergaul. Dazu paßte auch ihr starkes Gebiß, das sie gern und oft zeigte. Ihre dunklen strähnigen Haare fielen fast bis auf die Schultern. Die sehnigen Hände konnten zupacken, sie war stark wie ein Mann.
Mit ihrem Einzug kam Leben ins Haus. Immerzu wollte sie feiern, jeden Abend. Der Jagdaufseher mußte manche Flasche aus seinen Wein- und Schnapsvorräten herausrücken, er konnte Gerdi nicht widerstehen. Wenn sie den Arm um ihn legte und ihre knochige Backe an seine rieb, wurde er schwach und holte noch eine Flasche aus dem Keller. Dafür durfte er sie auch, wenn seine Frau mal nach draußen gegangen war, mit der Hand am Oberschenkel packen, recht weit oben, damit sein Handrücken Kontakt mit ihrem Bauch fand, und so fest zudrücken, daß sie vor Lust und Schmerz quietschte.
Frau Mohl beobachtete die beiden genau. Wenn sie etwas zu früh aus der Küche zurückkam und Gerdi in gespielter Entrüstung dem Jagdaufseher auf die Hand schlug, brachte sie nur ein vorwurfsvolles »Aber Justus!« heraus.
Ihr Unbehagen war so groß, daß sie mich eines Tages auf die Seite nahm und mir nahelegte, mich doch ein wenig um Gerdi zu kümmern. Sie war dabei sehr verlegen und merkte, daß ich ihre Absicht durchschaute. »Sie müssen nicht«, sagte sie. Im Gegensatz zu ihrem Mann duzte sie mich nie. Und sie fuhr fort: »Aber ihr seid doch beide allein. Soll ich mal mit ihr sprechen?«
»Um Himmels willen, nein. Das kann ich schon selbst.«
»Ich meine ja bloß«, sagte sie entschuldigend.
Ihre Empfehlung war überflüssig. Gerdi gefiel mir sehr, weniger ihre Figur als ihre Art zu lachen, ihre Unbekümmertheit, ihr Männerhunger. Aber ich fühlte auch, daß ich nicht so recht ihr Typ war. Sie suchte wahrscheinlich einen großen, starken Mann mit Händen wie Schraubstöcke. Das war ich nicht, und das machte mich traurig.
Ein- oder zweimal kam am Abend auch der im Jagdhaus zurückgebliebene Soldat zu uns, um mitzufeiern. Zu meinem Ärger zeigte Gerdi ihm unmißverständlich ihre Sympathie, obwohl er doch immer sehr blaß aussah. Zum Glück war er noch weit mehr gehemmt als ich und stellte sich so ungeschickt an, daß sie bald das Interesse an ihm verlor und sich endlich mir zuwandte. Mitternacht war vorbei, als wir schlafen gingen. Gerdi verabschiedete sich mit einem langen, vielsagenden Blick von mir.
Um zu Gerdis Kammer zu gelangen, mußte man auf den Flur hinaus, von wo eine kurze Treppe nach unten direkt dorthin führte. Nur oben an der Treppe war eine Tür mit einer kleinen geteilten Glasscheibe. Als ich annehmen konnte, daß Justus und seine Frau eingeschlafen waren, zog ich die Hose an und schlich mich leise aus dem Wohnzimmer. Die Tür zur Treppe war nur angelehnt. Gerdi wartete also auf mich. Eine kleine Nachttischlampe hatte sie brennen lassen, so konnte ich die Treppenstufen erkennen.
Schnell war ich ausgezogen und unter ihre Bettdecke geschlüpft. Gerdi empfing mich mit stürmischer Umarmung. Wunderbar roch es bei ihr. Wie in einem warmen, ungelüfteten Kuhstall, nach frischer Milch, saurer Silage und dampfendem Dung. Und Gerdi hatte es eilig, hatte lange genug gewartet, wollte keine Vorspiele, keine Fisimatenten.
Da zuckte ich zusammen und ließ Gerdi los. Ich hatte deutlich Schritte und das Knarren einer Tür gehört.
»Gerdi! Da ist wer!« flüsterte ich erschrocken.
»Wirklich? Das kann nur Justus sein, der geile Bock«, gab sie nicht ganz so leise zurück.
»Der kann doch hier heruntergucken.« Das Bett stand unmittelbar am Fuß der Treppe. Durch das kleine Fenster der oberen Tür hatte man den Blick direkt auf das Bett. Ich schaute nach oben und glaubte auch, hinter der Scheibe einen Kopf zu sehen.
»Der steht bestimmt da oben und schaut uns zu«, sagte ich leise.
»Das ist schon möglich. Laß ihn doch.« Gerdi war nicht im geringsten irritiert.
»Mach wenigstens das Licht aus«, bat ich.
»Warum denn?« gab sie zur Antwort. »Stört's dich?«
»Ja, er kann doch alles sehen.«
Sie lachte: »Laß ihn nur gucken. Das macht mich gerade scharf.« Und sie fuhr fort: »Da hat er auch mal was davon.« Sie drückte sich erneut an mich, hielt verblüfft still und sagte:
»Was ist denn los? Du bist ja nicht mehr da?« So war es in der Tat. Die Vorstellung, daß uns jemand zuschauen könnte, hatte bei mir eine niederschlagende Wirkung. Nur noch mein Gesicht glühte, sonst nichts mehr. Ich war ein richtiger Versager.
»Verzeih, Gerdi«, stammelte ich, »wenn wer da oben guckt, kann ich nicht.«
»Dann schicken wir ihn einfach ins Bett.«
»Laß sein. Ich glaube, jetzt ist es zu spät.«
»Komm, das sind doch halbe Sachen. Nimm dir Zeit. Oder hast du mich nicht gern?«
»Ich hab dich sehr gern, Gerdi.«
»Na also, ich dachte schon.«
»Aber heute geht's nicht mehr. Ich kenne mich.«
»Gott, bist du ein komischer Kerl. Wenn ich das gewußt hätte!« Sie warf sich auf die andere Seite und kehrte mir den Rücken zu.
Ich faßte sie am Arm: »Entschuldige bitte, Gerdi, ich kann wirklich nichts dazu.«
»Laß mich gehn!« Sie war enttäuscht und auch gekränkt. Ich zog die Hose an, gab Gerdi, die ihren Kopf in die Kissen vergraben hatte, noch einen Kuß auf die nackte Schulter und schlich mich nach oben. In dieser Nacht schlief ich nicht gut.
Gerdi ging mir aus dem Weg, und ich ihr auch. Wir sprachen kaum noch ein Wort miteinander. Dann kam der Sonntag. Nach dem Mittagessen waren Justus Mohl und seine Frau zu einem Besuch in die Nachbarschaft gegangen. Wir waren allein im Haus. Sie saß im Wohnzimmer und hatte eine Schallplatte aufgelegt. Als ich mich zu ihr setzte und zärtlich werden wollte, wehrte sie mich ab: »Gib dir keine Mühe, du bist doch ein Versager. Ich kenne andere, die's besser machen.«
Das hätte sie nicht sagen dürfen. Wütend schlug ich ihr einen Bisquit, an dem sie herumknabberte, aus der Hand, drückte sie mit aller Kraft auf das Sofa nieder und warf mich über sie. Wir rutschten von dem schmalen Sofa ab und kamen auf den Holzdielen zu liegen.
Ich war über meine Unbeherrschtheit sehr erschrocken, hatte mich aber bereits wieder in der Gewalt und wollte Gerdi loslassen. Doch sie war merkwürdig ruhig, lag da, wehrte sich nicht und machte keine Anstalten aufzustehen. Im Gegenteil, sie bemühte sich, auf der harten Unterlage die richtige Position unter mir zu finden. Ihre Beine spreizten sich von selbst. Wie in einem Glühofen verschmolzen wir ineinander, tief tauchte ich in sie ein. Wieder dieser betörende Geruch! Doch ich roch sie nicht nur, ich fühlte und schmeckte sie, sah und hörte sie. Mit einem tiefen Grunzlaut verbiß sie sich so fest in meine Schulter, daß ich noch Tage danach die blutunterlaufene Stelle im Spiegel betrachten konnte.
Am gleichen Abend wurde Gerdi krank, bekam hohes Fieber und Schmerzen in der Nierengegend. Ich saß an ihrem Bett, legte ihr kalte Tücher auf die Stirn, hielt ihre Hand und spürte, wie froh sie war, daß jemand sich um sie sorgte. Anderntags kam der Arzt aus Züschen und stellte eine Nierenbeckenentzündung fest. Er kam fast zur gleichen Stunde, als ich erneut zur amerikanischen Kommandantur beordert wurde.